Projekttagebuch Leinenpanzer von Lukimedes und Maddinos

Abb. 1: Lukimedes und Maddinos in den fertigen Leinenpanzern. Foto: The Impressive Company

Leinenpanzer: Was ist das?

Leinenpanzer werden bereits im späten 8. Jhdt. v. Chr. bei Homer erwähnt (Ilias II, 830) und waren seitdem in der griechischen Antike weit verbreitet. Aufgrund des organischen Materials ist kein Original erhalten. Aber es gibt viele künstlerische Repräsentationen, wie Vasenabbildungen oder das bekannte Alexandermosaik aus Pompeji, das Alexander den Großen mit Leinenpanzer zeigt. Die Vorteile bestehen darin, dass das Material aufgrund der ständigen Stofferzeugung im eigenen Haushalt gut verfügbar und um einiges günstiger als ein Metallpanzer gewesen sein dürfte. Außerdem bietet er durch die Vielzahl an Schichten guten Schutz gegen Stiche und Hiebe.

In der Forschung streitet man noch über die unterschiedlichen Bauweisen von Leinenpanzern. Die von uns unterstützte und auch in diesem Nachbau verwendete Methode: Das Leinen wurde mit Knochenleim geklebt. Dadurch wird der Stoff einerseits stabil und steif, andererseits bleibt er durch die Körperwärme halbwegs flexibel. Gerade die Vasendarstellungen von sich rüstenden Hopliten mit aufgestellten Schulterstücken unterstützen diese Theorie. Einen guten Überblick zu dem Thema findet sich hier.

Quellen:

Leinenpanzer sind nicht uniform und können auf Abbildungen und Skulpturen unterschiedlichste Formen und Dekorationen aufweisen. Für unsere Rekonstruktion haben wir uns die Abbildungen auf zwei berühmten Keramikstücken zum Vorbild genommen:

ACHTUNG: Wir haben uns für recht komplexe und langwierige Konstruktionen entschieden. Einfacher gebaute Leinenpanzer sind günstiger und um einiges schneller herzustellen. Hierfür können bestimmte Arbeitsschritte ausgelassen werden.

Material pro Leinenpanzer:

  • 22 Meter Leinenstoff
  • 7,5 Liter Holzleim (wasserfest)
  • Große Pressspanplatten
  • Malerfolie
  • Material zum Beschweren
  • Farbe nach Wahl (Acryl oder historische Farbe)
  • Lederbänder
  • Messingösen mit Halterungen und ggf. Zierrosetten
  • Lederstücke (ca. 1mm)
  • Kontaktkleber

Optional:

  • Bronzeschuppen oder 0,7mm Bronzeblech, um diese selbst herzustellen
  • Hanfgarn und Wachs oder dünner Draht
  • Leinengarn
  • Dünnes Leder (unter 1mm Dick)
  • Messingdraht
  • Massive Messingringe

Werkzeug:

  • Oszillationssäge
  • Teppichmesser / Stanleymesser
  • Bleistift
  • Lineal
  • Klemmen / Wäscheklammern

Optional:

  • Blechschere falls Schuppen selbst hergestellt werden
  • Metallfeile
  • Dremel mit Bohrern von 1-1,2mm Durchmesser
  • Ledernadeln

Der Schnitt:

Der Leinenpanzer besteht aus zwei Einzelteilen: Ein Stück für den Torso und eines für die Schultern (Abb. 2).

Abb. 2

Abb. 2

Um die korrekten Maße herauszufinden, haben wir zunächst einen Schnitt aus Pappe gemacht (Abb. 3). Die Panzer wurden an ihre Träger angepasst, um die bestmögliche Beweglichkeit und den optimalen Tragekomfort zu erreichen. Da sie einen Schwachpunkt der Rüstung darstellt, befindet sich der Verschluss der Torsopartie in Form einer Überlappung auf der linken Seite und ist somit durch den Schild des Trägers verdeckt (Abb. 4). Es empfiehlt sich hier, zumindest 5 cm Überlappung einzuplanen (man könnte ja schließlich auch in die Breite wachsen...).

Die Pteryges (übersetzt: Flügelchen) setzen ungefähr auf der Höhe des oberen Endes der Beckenknochen an und ermöglichen dem Träger Beinfreiheit und zumindest teilweisen Schutz der Oberschenkel. Die zwei Reihen sind versetzt, um zusätzlichen Schutz zu gewähren (Abb. 5).

Es empfiehlt sich hier, mit dem Schnitt schonmal die allgemeine Beweglichkeit zu testen. Wenn man sich z.B. mit dem Panzer hinsetzen können will, darf die Torsopartie bis zu den Pteryges nicht zu lang sein. Die Dimensionen und Relationen der einzelnen Maße haben wir der Darstellung auf den obengenannten Vasen angepasst.

Während unsere Torsopartien beide einen geraden Schnitt aufweisen und quasi eine Röhre für den Oberkörper bilden, könnten man diese auch tailliert zuschneiden, sodass sie im Hüftbereich enger als im Brustbereich sind.

Abb. 3

Abb. 3

Abb. 4

Abb. 4

Abb. 5

Abb. 5

Leinen verleimen:

Als nächstes haben wir uns mit sehr viel Leinenstoff eingedeckt (ca. 22m pro Leinenpanzer). Für den Torso haben wir 16 Schichten à 1m x 1,4m, für die Schultern 12 Schichten Leinen à 1m x 0,7m verwendet. Damals wurde wohl Knochenleim zum Kleben verwendet, doch da dieser bei der Verarbeitung einige sehr unangenehme Nebeneffekte hat (stinkt furchtbar, muss für die Verarbeitung beinahe gekocht werden und ist nicht wasserfest), haben wir stattdessen wasserfesten Holzleim genommen, um die einzelnen Stücke miteinander zu verbinden. Diesen haben wir etwas mit Wasser verdünnt. Für beide Panzer wurden insgesamt rund 15 Liter Leim benötigt.

Die Schichten wurden einzeln verleimt, um Falten vorzubeugen. Jede Woche wurde eine weitere Leinenschicht auf auf jede Seite des bereits getrockneten verleimten Leinen geklebt, bis die 16 bzw. 12 Schichten erreicht waren. Man könnte die Wartezeiten mit Sicherheit kürzer gestalten, aber wir wollten sicherstellen, dass der Leim trotz Malerfolie gut durchgetrocknet ist, bevor wir die nächste Schicht anleimen. Außerdem kamen uns hin und wieder terminliche Verpflichtungen des 21. Jahrhunderts dazwischen.

Wichtig ist hierbei, dass das verleimte Leinen keine Falten wirft. Das ist gerade beim Verleimen der ersten beiden Schichten etwas mühsam - grundsätzlich empfiehlt es sich hier, mindestens zu zweit zu arbeiten. Um den verleimten Stoff glatt und faltenlos zu bekommen, haben wir ihn zwischen zwei Pressspanplatten gelegt. Eine Malerfolie zwischen Leinen und Holz verhindert, dass Leinen und Holz verkleben. Die Platten müssen gut beschwert werden (Abb. 6).

Um die versetzten Pteryges zu ermöglichen, wurde während des Klebens zwischen die achte und neunte Schicht Leinen des Torsos auf der Höhe der Pteryges nicht geleimt und Malerfolie gelegt. Daraus entstanden also im unteren Torsobereich zwei Teile aus jeweils acht Schichten Leinen. Wenn alle Schichten verleimt und getrocknet sind, erhält man eine recht festes, aber dennoch flexibles Material, das sich etwas wie Sperrholz anfühlt, jedoch bei Raumtemperatur gut verbiegen lässt (Abb. 7).

Abb. 6

Abb. 6

Abb. 7

Abb. 7

Torso- und Schulterpartie ausschneiden:

Mit einer Oszillations- bzw. Schwingsäge wurden die Schulter- und Torsopartien gemäß dem Schnitt aus Pappe aus den verleimten Leinenrechtecken ausgeschnitten (Abb. 8).

Im Querschnitt durch die verleimten Leinenschichten sind die unterschiedlichen Farben der verwendeten Stoffe gut sichtbar (Abb. 9). Die gelben Linien sind farbiges Leinen, das gerade im Angebot war - da die mittleren Schichten ohnehin nicht sichtbar sind, muss hier nicht der beste Leinenstoff mit historisch passender Farbe genommen werden.

Da die Pteryges am unteren Ende der Torsopartie nur jeweils acht Schichten Leinenstoff aufweisen, konnten sie auch mit einem scharfen Teppichmesser zugeschnitten werden (Abb. 10,11). Alternativ könnte man die Pteryges auch nur aus mehreren Schichten vernähtem Leinen herstellen, die man nach dem Ausschneiden des Torsos am unteren Ende des Panzers befestigt. Sie wären dann flexibler, böten aber weniger Schutz.

Abb. 8

Abb. 8

Abb. 9

Abb. 9

Abb. 10

Abb. 10

Abb. 11

Abb. 11

Farbdekorationen:

Das Grundgerüst steht, nun geht’s an die Dekoration: Diese wurde zunächst mit einem Bleistift vorgezeichnet (Abb. 12). Mit Acrylfarben wurden dann die Muster aufgetragen (Abb. 13-15). Wir haben zunächst Stoffmalfarben verwendet. Diese stellen sich allerdings als nicht ideal heraus, weil der verleimte Leinenstoff die Farbe nicht mehr so gut aufsaugt. Normale Acrylfarben funktionieren hingegen sehr gut und halten auch dem Verbiegen des Materials gut stand. Würden wir den Panzer nochmal bauen, hätten wir mit Pigmenten angerührte Farbe verwendet, um das Ergebnis noch historisch korrekter zu machen. Da die Antike bunt war, haben wir uns für ein farbenfrohes Muster entschieden, das jedoch noch immer mit moderner Farbästhetik vereinbar ist (Abb. 16). Die von uns gewählte Bemalung ist für antike Verhältnisse wohl als dezent zu bezeichnen (Abb. 17). Farbreste auf Statuen lassen darauf schließen, dass die intensiven Farbkombinationen für heutige Betrachter nur schwer erträglich sind. Mehr dazu hier. Der frühere Leinenpanzer wurde außerdem noch mit zwei Stoffbändern verziert (Abb. 18).

Abb. 12

Abb. 12

Abb. 13

Abb. 13

Abb. 14

Abb. 14

Abb. 15

Abb. 15

Abb. 16

Abb. 16

Abb. 17

Abb. 17

Abb. 18

Abb. 18

Schuppen:

Beide Vasenabbildungen, die wir uns zum Vorbild genommen haben, weisen Schuppen auf. Da wir keine passenden Schuppen aus Bronze gefunden haben, haben diese selbst hergestellt. Diese haben wir aus rund 0.7mm dickem Bronzeblech mit der Blechschere ausgeschnitten und die Kanten abgefeilt. Die Maße betragen 2x3cm (Abb. 19,20). Jede Schuppe erhielt zwei 1mm bis 1,2mm große Löcher, die mit dem Dremel gebohrt wurden (Abb. 21). Für die Befestigung der Schuppen wurde gewachster Hanfgarn verwendet, die Schuppen passten sich auch den Biegungen des Panzers an (Abb. 22,23). Jedes Loch im Leinenpanzer musste vorgebohrt werden, da man mit der Nadel die 16 Schichten Leinen nicht durchstoßen kann. Eigentlich ein gutes Zeichen... Hier wurden nach einigen Jahren verwendung aber Verbesserungen durchgeführt (siehe "Nachträgliche Verbesserungen").

Die frühere Abbildung zeigt einen Leinenpanzer mit Schuppen um die gesamte Bauchpartie. Hierfür wurden 550 Schuppen hergestellt (Abb. 24). Die spätere Abbildung zeigt Schuppen lediglich unter dem rechten Arm (Abb. 25). Da die 16 verleimten Leinenschichten bereits großen Schutz bieten, hatten die Schuppen wohl eher repräsentativen Zweck.

Abb. 19

Abb. 19

Abb. 20

Abb. 20

Abb. 21

Abb. 21

Abb. 22

Abb. 22

Abb. 23

Abb. 23

Abb. 24

Abb. 24

Abb. 25

Abb. 25

Die Verschlüsse:

Als Verschluss des Panzers dienen vier massive Messingösen. Diese sind mit einer Zierrosette versehen und halten einen Messingring. Mit einem Lederband kann so die Torsopartie zusammengeschnürt werden. Wir haben diese Stücke bei einem Händler gekauft - die einzigen Teile der Panzer, die nicht selbst hergestellt wurden (Abb. 26,27).

Beim früheren Leinenpanzer musste hierfür ein Loch durch die Schuppen gestoßen werden (Abb. 28,29), die Messingenden werden danach im Inneren des Panzers umgebogen (Abb. 30) und mit einem Lederstück (ca. 1mm dick) mit Kontaktkleber verklebt.

Da die Darstellung des älteren Panzers keinen Verschluss der Schulterpartie mit der Torsopartie auf der Vorderseite abbildet, war eine verdeckte Aufhängung nötig. Hierfür wurde eine Öse aus Messingdraht in den später hinzugefügten Lederstreifen versteckt, die einen Messingring hält. Die Konstruktion funktioniert dabei genauso, wie bei den Verschlüssen auf der Seite. (Abb. 31,32). Die fertige Aufhängung ist somit kaum zu sehen (Abb. 33).

Abb. 26

Abb. 26

Abb. 27

Abb. 27

Abb. 28

Abb. 28

Abb. 29

Abb. 29

Abb. 30

Abb. 30

Abb. 31

Abb. 31

Abb. 32

Abb. 32

Abb. 33

Abb. 33

Die Lederversäuberungen:

Vorweg: Dieser Schritt ist optional, macht den Panzer aber um einiges schöner und hochwertiger. Er ist aber auch mit sehr viel Arbeit verbunden. Alternativ kann man über den gesamten Panzer noch ein bis zwei Schichten Leinen kleben und die Enden um die Kanten des Panzers umschlagen und verleimen, um diese so zu versäubern.

Die Ränder des Panzers wurden mit 0,7mm dickem Leder vernäht. Hierfür haben wir gewachsten Leinengarn verwendet, der gegengleich durch die vorgebohrten Löcher gefädelt wurde (Sattlerstich) (Abb. 34). Für die Schulterpartie und den Torso wurden 2,5 cm breite Lederstreifen verwendet. Bei starken Krümmungen musste gestückelt werden. Hier kann man auch zwei verschiedenfarbige Garne verwende, die man am Ende mit einem festen Knoten zusammenfügt, um eine farblich abwechselnde Ziernaht zu erhalten. (Abb. 35).

Die Schuppen wurden ebenfalls mit Leder versäubert. Der frühere Panzer erhielt hierfür je ein Zierband am oberen und unteren Ende (Abb. 36). Um das Leder vernähen zu können, wurden Löcher durch Schuppen und Panzer für die Nähte gebohrt (Abb. 37,38).

Für die Pteryges wurden 2cm breite Lederstreifen verwendet. Da jeder Panzer 40 Pteryges zählt und diese je rund 50 cm lange Streifen benötigen, kommen wir hier auf rund 20m Leder (Abb. 39,40).

Abb. 34

Abb. 34

Abb. 35

Abb. 35

Abb. 36

Abb. 36

Abb. 37

Abb. 37

Abb. 38

Abb. 38

Abb. 39

Abb. 39

Abb. 40

Abb. 40

Die Teile zusammenfügen:

Als letzter Schritt wurde die Schulterpartie auf die Torsopartie geklebt. Hierfür haben wir Kontaktkleber verwendet. Eine rund 10x 8cm große Fläche reicht hierfür völlig aus. Abschließend kann die Schulterpartie noch mit einer Ziernaht am Torso befestigt werden (Abb. 41).

Nun ist der Panzer fertig (Abb. 42-49).

Abb. 41

Abb. 41

Abb. 42

Abb. 42

Abb. 43

Abb. 43

Abb. 44

Abb. 44

Abb. 45

Abb. 45

Abb. 46

Abb. 46

Abb. 47

Abb. 47

Abb. 48

Abb. 48

Abb. 49

Abb. 49

Gemeinsames Anstoßen nach rund 11 Monaten Arbeit, insgesamt 10.000 gebohrten Löchern, 44m Leinen, 50m Leder, rund 650 Schuppen und endlosen Mengen Leinen- und Hanfgarn. Kylikes von Luca Bedini (Abb. 50). Mittlerweile haben unsere Leinenpanzer bereits mehrere Jahre und viele Veranstaltungen und Schaukämpfe überstanden und uns in der Phalanx gute Dienste geleistet. Sie sind leicht, angenehm zu tragen und kühlen sogar etwas. Dies kam uns besonders im Juli 2022 in Platäa bei ca. 40°C zugute (Abb. 51-54).

Abb. 50

Abb. 50

Abb. 51

Abb. 51

Abb. 52

Abb. 52

Abb. 53

Abb. 53

Abb. 54

Abb. 54

Tests:

Die Schutzwirkung des Panzers haben wir ebenfalls getestet: Mit Bögen (20 Pfund und 40 Pfund) haben wir auf ein Stück Verschnitt der Torsopartie mit Pfeilen mit Feldspitzen geschossen. Kein Pfeil hat das Stück durchschlagen (Abb. 55). Außerdem haben wir mit einer scharfen Holzaxt ein Verschnittstück malträtiert und sind hier auch nicht durchgekommen (Abb. 56).

Abb. 55

Abb. 55

Abb. 56

Abb. 56

Nachträgliche Verbesserungen:

Da aufgrund der unten beschriebenen Lederdekoration die Löcher über den Pteryges vorgebohrt wurden, brachen diese nach einigen Veranstaltungen vom späteren Panzer ab. Die Pteryges wurden daraufhin allesamt entfernt und an einem festen Stück Leder befestigt, das dann an den Leinenpanzer genäht wurde (Abb. 57-59). Der frühere Leinenpanzer hat dieses Problem nicht, da die Löcher für die Dekoration weiter oben angesetzt wurden.

Nach einigen Jahren Verwendung hat sich herausgestellt, dass sich die scharfen Kanten der gebohrten Löcher in den Schuppen nicht sonderlich gut mit dem gewachsten Hanfgarn verstehen. Aus diesem Grund ist im früheren Panzer das Garn durch Draht ersetzt worden, was keinerlei Probleme verursacht hat.

Abb. 57

Abb. 57

Abb. 58

Abb. 58

Abb. 59

Abb. 59